Eine Zeitreise zurück und in die Zukunft

Bezirkstagspräsident informiert sich über Baufortschritt der Görgenmannsölde im Freilichtmuseum Massing

Massing. Betritt man die Görgenmannsölde im Freilichtmuseum Massing, begibt man sich auf eine Zeitreise. Das Gebäude, das ursprünglich aus dem Jahr 1565 stammt, wurde 2018 in Kleinbettenrain abgebaut und ins Freilichtmuseum Massing transloziert. Seit 2019 wird es dort wieder aufgebaut, im Juli 2022 soll es offiziell eröffnet werden. Um sich über den Stand der Bauarbeiten zu informieren, stattete Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich dem Team vor Ort einen Besuch ab.

„Zum Glück haben wir hervorragende Leute, die vieles selbst machen können“, schwärmt Bezirksheimatpfleger Dr. Maximilian Seefelder, der den Wiederaufbau begleitet. Die Museumshandwerker Rupert Hofer, Josef Reinberger und Robert Gmeineder haben in liebevoller Detailarbeit das Haus Stück für Stück wieder aufgebaut. Die Entscheidungen, was erhalten werden kann und was durch neues Material ersetzt werden muss, traf Architekt Harald Bader, der auf solche historischen Häuser spezialisiert ist. Der „Hausarzt“, wie ihn Seefelder nennt, erklärte dem Bezirkstagspräsidenten beim Rundgang die Besonderheiten des ursprünglichen Blockbaus, das immer schon ein Hafneranwesen war, in dem Keramik hergestellt wurde.

„Diese Risse sind normal“, sagt Bader und deutet an die frisch verputzte Wand. „Denn Lehmputz auf einer Blockwand bekam immer Risse, das soll man ruhig sehen.“ Genauso normal war es über Jahrhunderte hinweg, dass bei Umbauten stets möglichst viele alte Teile wiederverwendet wurden. Anhand solcher Spuren kann der Architekt die Geschichte rekonstruieren und weiß auch, wo man bei der Sanierung am besten aufpassen muss.

Bezirkstagspräsident Olaf Heinrich zeigte sich schon jetzt voller Vorfreude auf die Eröffnung im Sommer. „Wir schaffen damit einen weiteren Anziehungspunkt im Freilichtmuseum Massing und dokumentieren eine traditionsreiche Handwerkskunst.“ Außerdem findet er die Art und Weise wie sparsam früher mit Baumaterialien umgegangen wurde, spannend. „Das Wiederverwenden sämtlicher Teile ist ein Beispiel, wie Nachhaltigkeit am Bau tatsächlich über Jahrhunderte gelebt wurde.“ Und auch die Wahl der Materialien hätte ökologischer nicht sein können. „Die Balken wurden mit Moos und später mit einer Lehmputz-Flachs-Mischung verfugt“, erklärt Harald Bader. An mehreren Stellen wurden bei der Rekonstruktion die Wände offen gelassen, damit man die Bauweise erkennen kann. „Krummes und Rundes war früher für die Handwerker kein Problem, heute kann das fast keiner mehr“, meint auch der neue Museumsleiter Timm Miersch anerkennend, der als gelernter Zimmermann weiß, wovon er spricht.

Sogar „Schatzkisten“ tauchten beim Wiederaufbau auf – zumindest ist es aus Sicht des Museumsleiters wie ein Schatz: Über der Stubentür sieht man anhand der unterschiedlichen Oberflächen, vom Holzbalken bis zur Wandbemalung, vier Bauzustände gleichzeitig. Die Deckenbalken sind geschwärzt, wie in vielen historischen Häusern. „Diese Färbung kam durch den Rauch der Kienspäne, die man damals abends als Lichtquelle verwendet hat“, weiß Bader, der die kleine Öffnung in der Wand gegenüber entsprechend als Rauchabzug identifiziert.
Rauchen wird es hier künftig aber nicht, denn der große Brennofen, der in der Stube rekonstruiert wurde, wird nur zu Demonstrationszwecken dienen. Er wird demnächst mit Rohlingen bestückt und die Öffnung halb zugemauert, um den Besuchern zu zeigen, wie damals Keramik entstanden ist. Ein funktionsfähiger Brennofen wird hingegen in einem kleinen Nebengebäude entstehen, kann aber erst nach der Frostperiode gebaut werden.

Denn neben den baulichen Besonderheiten des Hauses, das um 1795 seine heutige Gestalt bekommen hat, steht hier vor allem die Keramikherstellung, also das Hafnerhandwerk, im Mittelpunkt. Die Kooperation mit der Keramikfachschule Landshut ist dabei eine Win-Win-Situation für beide Seiten. „Die Schüler sind sehr motiviert, denn sie können hier Sachen erforschen, die verloren gegangen sind. Sie freuen sich total“, sagt Museumsleiter Miersch und verweist auch auf die modernen Aspekte der Keramik, die damit Einzug in das Museum halten.

Und so passt es gut, dass nebenan im ehemaligen Stall zwei Meisterschülerinnen der Keramikschule ein Atelier betreiben, in dem sie selbst arbeiten, aber auch den Besuchern etwas zeigen können. „Ich halte diese Zusammenarbeit für eine echte Chance für beide Seiten. Die Keramikerinnen vor Ort arbeiten zu sehen, wird für die Besucher sicher sehr interessant werden. Die jungen Meisterinnen bekommen direkten Kontakt zu möglichen Kunden, was zu Beginn der Selbständigkeit nur hilfreich sein kann“, so Bezirkstagspräsident Olaf Heinrich. Besonderes Interesse dürfte die Ausstellung mit „Kröninger Hafnerkeramik“ wecken, benannt nach der Hügellandschaft Kröning im westlichen Niederbayern, wo es früher viele Hafnereien gab. „Wir haben am ursprünglichen Standort des Hauses tausende von Keramikscherben gefunden, insgesamt 140 Kisten“, erklärt Maximilian Seefelder, der auch das museumspädagogische Konzept erstellt hat. In Vitrinen werden Teile der Funde ausgestellt und sowohl die Geschichte des Handwerks als auch die des Gebäudes erläutert.

Die Görgenmannsölde ermöglicht ab Juli 2022 nicht nur die Zeitreise zurück bis ins 16. Jahrhundert, sondern durch die Kooperation mit jungen Keramikschülern auch in die Zukunft. „Immaterielles Kulturgut verändert sich und muss sich auch verändern, sonst stirbt es“, findet Timm Miersch. „Altes Wissen an eine neue Generation weiterzugeben – davon träumt jeder, der sich mit historischem Handwerk beschäftigt.“

Bildunterschrift:
In der Stube müssen noch die Fenster trocknen, im Sommer können hier die Besucher eintreten (v. l.): Bezirksheimatpfleger Dr. Maximilian Seefelder, Architekt Harald Bader, Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich und Museumsleiter Timm Miersch.
Foto: Lang/Bezirk Niederbayern