Der Kulturwandel beginnt im Kleinen

Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich besucht Schweinezucht auf dem Biohof Scherm

Kirchberg im Wald. Große Veränderungen werden nicht vorgegeben, sondern kommen von den Menschen, die im Kleinen anfangen. Angesichts des nötigen Kulturwandels bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln macht es deshalb Mut, den Biohof Scherm zu besuchen. Zumindest sah dies Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich so, als er sich kürzlich mit Ludwig Scherm über seine Schweinezucht unterhielt – denn auch in der Genussregion Niederbayern, die der Bezirk zusammen mit dem Amt für Ländliche Entwicklung ins Leben gerufen hat, ist Fleischproduktion immer wieder Thema.

Der 41-jährige Landwirt sieht zwar durchaus positive Entwicklungen, etwa den steigenden Druck hin zu mehr Tierwohl, der von großen Akteuren wie McDonald‘s oder Aldi vorangetrieben wird. Dennoch ist die Praxis wegen sehr hoher Auflagen weit schwieriger als gedacht und damit auch die Wirtschaftlichkeit eines Betriebes wie seinem. Immerhin 70 Tiere, darunter acht Zuchtsauen und 20 Eber der gefährdeten, alten Nutztierrasse „Schwäbisch-Hällische“ hält Ludwig Scherm auf seinem 10 Hektar großen Betrieb. Das Besondere: Sie stehen nicht nur im Stall, sondern dürfen auch nach draußen. Die robuste Rasse kann mit dem Klima des Bayerischen Waldes selbst im Winter gut umgehen. Der Landwirt integriert sie sogar in die Bewirtschaftung und Fruchtfolge seiner Äcker.

Gerade weiden die Eber auf einem Feld, das Scherm wegen des wuchernden Ampfers in Atem hält. „Mechanisch könnte ich den Ampfer nicht so gut in den Griff bekommen wie mit den Schweinen. Die graben die Wurzeln aus und drehen sie mehrmals um, so dass der Ampfer langfristig weg ist. Im September kann ich hier Roggen anbauen“, erklärt der Bauer, der auch gelernter „Betriebswirt des Handwerks“ ist. 1990 kaufte sein Vater Max Scherm das Anwesen in Höllmannsried. Von Oberbayern ging er hierher und fing mit der Schweinezucht an, hauptberuflich aber blieb er Schuster. Sohn Ludwig hingegen kam 2011 mit in den Betrieb, nachdem der Vater die Nebenerwerbslandwirtschaft nicht mehr alleine hätte stemmen können. Da auch für ihn die Landwirtschaft allein zu wenig rentabel ist, ist er zusätzlich als Polsterer tätig.

All die Eber auf dem Acker würden nicht hier stehen, hätte er damals die Landwirtschaft aufgegeben. Denn es war Ludwig, der entschied, mit der Ebermast zu beginnen, allerdings aus der Not heraus. Stichwort: Kastration. Dazu braucht es eine spezielle Schulung, das vorgeschriebene Gerät kostet 10.000 Euro, die Kartusche, die eingesetzt wird, reicht einmal geöffnet für 300 Kastrationen. „Ich habe aber pro Wurf nur zehn Ferkel. Aus Hygienegründen kann ich das Gerät nicht mit anderen Betrieben teilen, also bliebt mir nur der Tierarzt, der mehrmals im Jahr für einige Tiere herfahren muss. Das kostet zu viel“, erklärt Ludwig Scherm.
Also entschied er, die Tiere zu mästen, bis sie 160 bis 180 Kilogramm haben – das dauert rund zwei Jahre. Die Kunden allerdings haben Vorbehalte. „Viele denken: Eberfleisch stinkt. Nur wenige wissen, dass die großen Schlachtbetriebe auch Eberfleisch vermarkten.“ Der Landwirt machte seine eigene kleine Studie: Stammkunden schenkte er etwas Fleisch zum Probieren. „Die Rückmeldungen waren super, den Kunden hat’s geschmeckt. Wenn ich es aber als Eberfleisch verkaufe, sind viele skeptisch.“

Es brauche Schritt für Schritt einen „Kulturwandel“ ist der Bezirkstagspräsident überzeugt. Die Frage sei nur „wann und wo der beginnt“. Nach und nach mache sich der Wandel auch in der Gastronomie bemerkbar, wie der Landwirt erzählt. „Es gibt einige Köche aus dem Landkreis, die bewusst bei uns einkaufen, weil sie wissen, wie gut es die Schweine bei uns haben“, berichtet Ludwig Scherm, als er durch den Stall führt. Die Schweine samt Ferkel verkriechen sich unter einer dicken Schicht Heu, das sie grunzend durchwühlen. „Darin finden sie viele Samen und dadurch bleiben sie sehr gesund.“ Denn geimpft werden die Tiere auf dem Biohof, der zugleich ein Demonstrationsbetrieb für ökologischen Landbau ist, nicht. Antibiotika werden nur im Notfall verabreicht, „wenn es der Tierarzt als sinnvoll erachtet“.

Diese Qualität kostet und bei steigenden Verbraucherpreisen in anderen Bereichen müssten immer mehr Kunden auf den Geldbeutel schauen. „Ich merke schon, dass manche Kunden anderswo sparen, um sich mein Fleisch zu leisten.“ Darunter sind sogar Vegetarier, die aber ihrer Familie, die Fleisch isst, wenigstens Hochwertiges kaufen will. Als „Zeichen der Wertschätzung“ interpretierte dies Olaf Heinrich und zeigte sich überzeugt, dass der Trend bei vielen Verbrauchern in Richtung Sonntagsbraten geht. „So wie es bis vor einigen Jahrzehnten ganz üblich war.“

Nach dem Motto „Sei du die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst“, hoffte der Bezirkstagspräsident zum Schluss, dass sich Ludwig Scherm von den Auflagen nicht entmutigen lässt. Denn es brauche Menschen wie ihn, die „den schwierigen, aber geraden Weg gehen, damit Entwicklungen und ein Wandel eintreten, die unsere Gesellschaft braucht“.  


Im Bild: Ludwig Scherm (l.) führte Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich durch seinen landwirtschaftlichen Betrieb in Höllmannsried bei Kirchberg im Wald.
Foto: Lang / Bezirk Niederbayern