Befürchtung, dass der Bedarf nach Hilfe steigt

Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich informiert sich über die „Aktion Tellerrand“  

Viechtach. Angesichts der steigenden Lebensmittel- und Energiekosten ist zu befürchten, dass der Bedarf an Hilfeleistungen steigen wird. Deshalb wollte sich Dr. Olaf Heinrich über die „Aktion Tellerrand“ der evangelischen und katholischen Kirchen in Viechtach informieren. Der Sozialfonds besteht seit über zehn Jahren und wird von privaten Spenden der Bürger finanziert, die von der evangelischen Kirche verwaltet werden.

„Wir unterstützen Einzelpersonen auf unbürokratische Weise, was ein hohes Maß an Vertrauen voraussetzt“, erklärte Pfarrer Roland Kelber. Deshalb werden teilweise Belege angefordert oder auch klärende Telefonate geführt. „Unsere Pfarrsekretärin Conny Penzkofer ist von Anfang an mit der Aktion betraut und meist die erste Anlaufstelle“, so Kelber, der neben dem kurzfristigen Bedarf der Menschen auch einen Systemfehler ausmachte, den er dem Bezirkstagspräsidenten mit auf den Weg gab: „Es gibt häufig Situationen, in denen die Menschen eigentlich einen Anspruch hätten, aber wegen eines Verzugs bei den Behörden monatelang in der Luft hängen. Etwa wenn das Jobcenter nicht mehr, die Rentenstelle aber noch nicht zahlt.“ Hier wünsche er sich mehr Abstimmung zwischen den Ämtern oder die Möglichkeit, einen Vorschuss zu leisten.

„Wir haben eines der besten sozialen Netze der Welt, aber in solchen Fällen hat man den Eindruck, dass unsere Bürokratie dem im Wege steht“, gab ihm Olaf Heinrich recht. Zumal aus seiner Sicht das Problem auch sei, dass es immer mehr Menschen gebe, die keinerlei Rücklagen haben. Rund die Hälfte der Bevölkerung besitze 98 Prozent des Vermögens, das restliche Vermögen teile sich die ärmere Hälfte. „Deshalb braucht es mehr Solidarität für diejenigen, die tatsächlich Hilfe brauchen – und das muss politisch besser geregelt werden“, ist Heinrich überzeugt und stieß dabei auf offene Ohren. „Die Schere geht noch weiter auseinander und die soziale Ungleichheit wächst“, findet auch Dr. Werner Konrad, der aber in der aktuellen Krise noch keine Auswirkungen vor Ort erkennt. „Die Leute, die jetzt leiden, sind diejenigen, die auch bisher schon Sorgen hatten.“ Dennoch rechnen beide Pfarrer mit einer langfristigen Zunahme. „Am Anfang wird die Hemmschwelle für manche noch sehr hoch sein, wenn sie bisher noch keine Hilfe gebraucht haben.“

Ganz allgemein treibt den Bezirkstagspräsidenten aber die Sorge um, welche Auswirkungen die Krise auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben wird. „Die Sozialleistungen des Bezirks steigen jedes Jahr um durchschnittlich 5,5 Prozent – das ging bisher nur, weil wir ein stabiles Wirtschaftswachstum hatten. In der Phase, in die wir jetzt eintreten, werden wir aber deutlich spüren, dass Geld endlich ist“, so Heinrich. Der Staat funktioniere nur dann, wenn jeder, der kann, seinen Beitrag leistet. Deshalb sei die Methode der vergangenen Jahre, immer mehr Menschen aus der Pflicht zu nehmen, sehr bedenklich. Das Angehörigenentlastungsgesetz nannte er als Beispiel. Demnach müssen die Angehörigen eines Pflegebedürftigen, nachdem dessen Geld aufgebraucht ist, nur dann für den Heimplatz aufkommen, wenn sie mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen. „Allerdings ist der Bezirk dabei in der Beweispflicht“, machte er deutlich. Das großzügige Gießkannen-Prinzip führe zu hohen Ausgaben, einem ständig wachsenden Anspruchsdenken und gleichzeitig zu weniger Mittel für „diejenigen, die es wirklich bräuchten“. Gerade vor diesem Hintergrund sei die Aktion Tellerrand, aber auch die weiteren Sozialprojekte wie die Tafel und das Gebrauchtkaufhaus dies & das in Viechtach besonders wertvoll. „Vieles wird auch künftig nur funktionieren, wenn sich Menschen wie Sie und Ihre Mitstreiter vor Ort engagieren“, dankte er den beiden Verantwortlichen.


Im Bild:
Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich (r.) sprach mit den beiden Viechtacher Pfarrern Dr. Werner Konrad (l.) und Roland Kelber (m.) über die aktuelle soziale Situation.

Foto: Lang / Bezirk Niederbayern