Heimatgefühl wecken, Mehrwertsteuer senken, Bestandsbauten sanieren: Experten
diskutieren mit Kommunalpolitikern, wie Innenentwicklung im ländlichen Raum gelingen kann
Niederalteich. Unsere Ortskerne unterliegen einem stetigen Wandel. Auch in Zukunft wird
und muss es sinnvolle und attraktive Nutzungen für sie geben, ist Bezirkstagspräsident Dr.
Olaf Heinrich überzeugt. Daher organisierte der Bezirk Niederbayern mit dem Bayerischen
Landesverein für Heimatpflege und dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten
BDA, Landesverband Bayern e. V., am Samstag in Niederalteich die Fachtagung
„Erfolgreiche Innenentwicklung im ländlichen Raum“.
Innenentwicklung sei ein Thema, das zeigt, wie wichtig und verantwortungsvoll
Kommunalpolitik sein muss: „Wir müssen Wege und Alternativen suchen und einen eigenen,
ganz signifikanten Beitrag dazu leisten, dass die Menschen in unsere Orte kommen und
Lebensqualität, Bewegung und Frequenz vorfinden.“ Der Bezirkstagspräsident freute sich
daher besonders, dass rund 100 Interessierte der Einladung gefolgt waren, darunter
zahlreiche – auch neu gewählte – Politikerinnen und Politiker aus Niederbayern, und die
Vorträge und Diskussionen hochkarätiger Vertreterinnen und Vertreter aus der
Städtebauförderung, der Architektur, der Heimatpflege und dem Amt für ländliche
Entwicklung verfolgten.
Auch der Bayerische Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr, Christian Bernreiter,
betonte in einer Videobotschaft: „Die Stärkung des ländlichen Raums ist eine
Gemeinschaftsaufgabe aller politischen Ebenen.“ Diese Fachtagung leiste dazu einen
wichtigen Beitrag. Die Bayerische Staatsregierung unterstützt die Innenentwicklung u.a.
bereits seit 55 Jahren mit der Städtebauförderung. Allein Niederbayern hat bisher fast eine
Milliarde Euro erhalten. Rund drei Viertel flossen in den ländlichen Raum.
Der Blick des Städtebaus:
Rolf-Peter Klar, Leiter des Sachgebietes „Städtebau, Bauordnung“ bei der Regierung von
Niederbayern, empfiehlt: „Jede Kommune, auch die, die nicht in der Städtebauförderung
sind, sind gut beraten, ein Entwicklungs-Konzept zu erstellen.“ Denn: „Je schlechter es einer
Kommune geht, desto wichtiger ist ein solches Konzept.“ Schlecht beraten sei man auch,
wenn die Bürger nicht beteiligt werden. Es wäre verschenkt, wenn das Wissen, das in einer
Gemeinde vorhanden ist, und die Fachkompetenz in ihrer Bürgerschaft nicht zu nutzen.
Gelungene Projekte und mögliche Ansätze aus der Architektur:
Am Anfang stehe immer ein Masterplan, der alle Defizite aufzählt, alles Vorhandene
analysiert und zusammenfasst, so Architekt Alfons Döringer. Dabei gehe es u.a. um die
Geschichte eines Ortes. Das zeigte er am Beispiel Neuschönau auf. Dort wurde nach dem
gesucht, was verbindet – und so wurde aus dem Durchgangsort im Windschatten des
Nationalparks „Neuschönau, die Holzgemeinde“. Heute gilt der Ort als Paradebeispiel für
eine gelungene und zukunftsorientierte Innenentwicklung im ländlichen Raum.
Eine These, die die Bundesarchitektenkammer immer wieder diskutiert, um die Menschen in
die Innenstädte zu bringen: Die Mehrwertsteuer in Sanierungsgebieten für den Handel
reduzieren, schilderte Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Steuern
seien schon immer ein wichtiger Faktor gewesen, um Dinge zu lenken – wie die Menschen in
die Innenstädte.
ALE: Neun von zehn sanierten Gebäuden unter Neubaupreis
Kommunen oder der Bauherr können sich oft gar nicht vorstellen, wie vielfältig ein
Bestandsgebäude genutzt werden kann – ohne gleich an einen Neubau zu denken, sagte
Claudia Stadler vom Amt für Ländliche Entwicklung. Die Förderungen zielen hier speziell auf
die Revitalisierung von leerstehenden oder sanierungsbedürftigen Gebäuden ab. Was den
ein oder anderen vielleicht überrascht: „Neun von zehn Gebäuden, die wir sanieren, liegen
weit unter dem Neubaupreis.“
Innenentwicklung: Kernanliegen der Heimatpflege
„Wer Heimat pflegen – und das heißt auch: weiterentwickeln – will, muss die Ortsmitte
lebendig halten“, sagte Bezirksheimatpfleger Dr. Clemens Knobling aus Sicht der
Heimatpflege. Am Ende treffe es alle: „Denn, wenn Orte ihre Mitte verlieren, verlieren auch
die Menschen einen Teil ihrer Orientierung, ihrer Begegnungsräume und ihrer gemeinsamen
Identität.
Große Bedeutung der Kommunalpolitik:
Wie wichtig die Kommunalpolitik bei den Prozessen ist, wurde auch in der Diskussionsrunde,
moderiert von Dr. Reinhard Saller, Geschäftsführung des Niederbayern-Forums, deutlich. Es
sei im Moment die wichtigste Aufgabe der Politik, den Menschen ein Gefühl von Heimat zu
vermitteln, zitierte Dr. Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für
Heimatpflege, den Politologen Ivan Krastev und erinnerte an die Verfassungsaufgabe der
Gemeinden, u.a. ortsgeschichtliche Denkmäler und Bauten zu erhalten. Alfons Döringer
betonte die Bedeutung der Gemeinde- bzw. Stadträte. Sie seien es, die überzeugt werden
müssen. Es müsse ein Problembewusstsein geschaffen werden – über die Parteien hinweg.
Die letzte Fachtagung im Juli 2022 hatte eine Reaktion von Seiten der Staatsregierung zur
damals unterzeichneten Schönberger Erklärung hervorgerufen, die bis heute nachwirkt: Wohnungen, die Kommunen in Bestandsgebäuden schaffen, werden seitdem anders
gefördert als Neubauten auf der grünen Wiese. Ein wichtiger Impuls, sagt Dr. Heinrich. „Jede
Kommune muss sich die Frage stellen, wo der Wohnraum mit seinen Folgeeffekten am
besten platziert ist.“
Geballte Fachkompetenz für bessere Ergebnisse
Auch, dass sich der Freistaat mit der Städteförderung und dem Amt für Ländliche
Entwicklung zwei Fachbehörden leistet, sei nicht überall in Deutschland so, hob der
Bezirkstagspräsident abschließend hervor. „Ich habe selbst immer wieder erlebt, dass dieser
weite Blick, die Vielfalt von Projekten, die der einzelne Mitarbeiter der Regierung kennt, am
Ende dazu beiträgt, dass das Ergebnis besser wird. Weil man neben der Fachkompetenz
des beauftragten Architekten weitere neutrale Fachleute hat, die in einer solchen
Entwicklung mitwirken.“ Das sei etwas, was das Bild bei uns prägt und wo der Freistaat sehr
sinnvoll öffentliche Mittel einsetzt.
Ein positives Zeichen für eine erfolgreiche Innenentwicklung setzt auch der neue
Architekturstudiengang an der Hochschule Landshut, der seit Oktober 2025 aufgebaut wird.
Bauen im Bestand und die Moderation der Bauwende in die Gesellschaft bilden dabei die
Schwerpunkte, sagt Prof. Stephan Rauch. Die Studierenden, überwiegend aus Landshut und
Umgebung, sind laut Prof. Veronika Kammerer sehr mit der Region verbunden.
Dementsprechend hätten sie ein großes Interesse an der Innerortsentwicklung in
Niederbayern. „Wir wollen mit unseren Studierenden raus“, sagt. Prof. Rauch. „Wir wollen in
die Kommune, wir wollen als Reallabor von Niederbayern gelten und wirken.“
Bild 1: Sie referierten und diskutierten zum Thema Innenentwicklung im ländlichen Raum
(v.l.): Dr. Olaf Heinrich, Dr. Rudolf Neumaier, Dr. Clemens Knobling, Dr. Reinhard Saller,
Prof. Stephan Rauch, Julien Pursch, Prof. Veronika Kammerer, Rolf-Peter Klar, Alfons
Döringer, Claudia Stadler und Thomas Mittermeier.
Bild 2: Vertreterinnen und Vertreter von Hochschule, Politik, Architektur und Heimatpflege
diskutierten auf dem Podium (v.l.).: Prof. Stephan Rauch, Prof. Veronika Kammerer, Dr. Olaf
Heinrich, Alfons Döringer und Dr. Rudolf Neumaier.
Fotos: Bezirk Niederbayern/Roider


